"Made like a gun, runs like a Bullet"

Ein kleiner Erfahrungsbericht, nach über 10.000 Kilometer: Alle meine Zahnplomben sind noch drin, trotzdem ist dies kein Mopped für Weicheier wie Fans von Ausgleichswellen, E-Starterbenutzer, Rechtshänder (weil Bremsen und Schaltung englisch=verkehrt rum), Papageienbiker oder Knieschleifer. Kein Mädchenmopped, und schon gar keine Fahrschulmaschine. Ein Bike für konsequente High-Tech-Verweigerer. Ich persönlich sehe die Enfield nicht als indische Replika. Sie ist zwar keine waschechte "Englische Lady" sondern indischer Abstammung. Allerdings wurde (und wird noch) Sie fast unverändert seit 1960 in Indien gebaut. Dieser Umstand hat seine praktischen Seiten, bei Ersatzteilfragen z.B. weil eigentlich keine grösseren Modernisierungen stattfanden. Erste Maschinen stammen noch aus England. Es gab da anfangs Überschneidungen. Fernab jeglichen "Zeitgeistes" trotzt die Enfield seit über 50 Jahren allen anderen "modernen" Bikes, mit denen Sie mittlerweile nur noch die 2 Räder gemeinsam hat. Eine Harely kann ja jede(r) Hausfrau/Zahnarzt kaufen, aber eine Enfield fahren ist halt schon was besonderes. Schon allein deshalb lernt man mit einer Enfield einen Haufen netter Leute kennen. Enfieldfahrer sind meist nette Leute, man kennt sich; im Gegensatz zu BMW u. Harleyfahrern jedoch nicht vom Pannendienst :-)
Selbst ich fahre damit nicht in Hausschuhen.

Oft werde ich gefragt, "wie biste denn mit dem Ding zufrieden", und höre dann von Papageienbikern, die Engländer wären ja schließlich ölsabbernde, Kickstarter zurückschlagende, schlecht anspringende oder ständig kränkelnde Moppeds, die reinsten Horrorgeschichten werden dann erzählt, ganz besonders gerne wird noch "einer draufgesetzt" wenn sagt, man fahre eine indische Enfield. Das mag evtl. in den 60er oder 70er mal zutreffend gewesen sein, ich weiß es nicht, aber mit (m-)einer Enfield hat das nix zu tun. An größeren Reparaturen (nix schlimmes, noch heimgefahren und selbergemacht) hatte ich bis jetzt nur einen gebrochenen Kugellagerkäfig im Kettenantrieb hinten und einen nicht ganz billigen Getriebedefekt. "Was unverändert seit (fast) mehr als 50 Jahren gebaut wird, kann ja sooo schlecht nicht sein..."

Das Fahren:
Das ist so eine Sache. Bei der Enfield geht ja alles "anders rum", auch die Gänge selber. Wenn man sich drauf konzentriert, d.h. vor jedem Schalten und vor jedem Bremsen kurz sich in Erinnerung ruft, dass man ja auf (s-)einer Enfield sitzt, gibt es da kein Problem, allerdings ist gerade beim bremsen nicht immer die Zeit dazu. Ich gebe zu, jemand, der sonst nix anders fährt, tut sich da leichter. Auch ich habe anfangs ein paar Mal versehentlich mit der Bremse geschaltet und der Schaltung gebremst.

Die Blamage:
Es ist Spätsommer 2000: Ich habe mir meinen Moppedtraum erfüllt: Eine Royal Enfield Bullet 500 im Clubmandesign, mit flachen Lenker, Ochsenaugen, Clubmanseat, offenen Auspuff uvm. Immer, wenn ich eine neue Maschine habe, bewege ich mich zunächst in konzentrischen Kreisen um meinen Wohnort ("es könnt ja was sein") herum. Deshalb geht >gleich< (-also nachdem ich wieder mal einen Vormittag das Maschinchen geputzt habe) eine der ersten "großen" Touren in die Fußgängerzone, um dort an einem schönen Samstagnachmittag den Eisdielenindex zu ermitteln. Die weltbeste aller Sozias ist auch dabei, also ist die „normale Sitzbank“ darauf. Die Enfield parkt lässig in der Fußgängerzone, natürlich in Sichtweite. Die Reaktionen der Stadtbevölkerung sind aus meiner Sicht recht zufriedenstellend und reichen von bewunderten Blicken über „Guck mal, Anna-Lena, ein altes Motorrad,“ oder, „schön, das es so was noch gibt, die sieht ja aus wie neu“ oder das obligate: „so eine hatte ich auch mal, meine war eine R25“. Nur das Lockenwickler-gehörnte Haarwild reagiert mit Verachtung: "Ben-ja-min kommsttu jetzt endlich; oder ich zähl bis 3". Oder:"Anna-Lena geh da weg, das ist Bah-Bah-Pfui". 
Nach dem 3. Chappuchino ist der eigene Ego genug befriedigt und die Blase drückt. Also Heimflug. Man rückt die Menschenmassen etwas beiseite. Noch heute stelle ich mich gerne erst mal unbeteiligt dabei und gebe meinen Senf dazu (die Sprüche der Papageienbiker, siehe unten). Aber die Blase drückt und die Start-Prodzedur (vorher etwas geübt, man will sich ja nicht blamieren) beginnt: Kickstarter mit dem Dekohebel auf kurz hinter o.T. -Choke, Zündung, Benzinhahn -its Showtime!- Kickstarter gekickt -und: Die Enfield läuft, Choke raus, aufsteigen; die Sozia auch, Gang rein, wenden, und ab. Denkste. Motor aus beim wenden! Mist. Die Menge starrt einem bemitleidenswert an. Alles Absteigen, die Sozia muss auch runter, denn nur auf dem Hauptständer bekomme ich -noch ungeübt- das Teil an. Startprozetere noch mal. Motor läuft, aufsteigen, wenden, -Motor aus. Das ganze passiert noch mal. Erst beim vierten Mal, nachdem ich gaaaanz vorsichtig den Lenker eingeschlagen hatte, Gang rein, und ab. Zurück bleibt eine Menge, die in verschiedenster Weise sich bestätigt fühlt: Klein Anna Lena mag kein Motorräder, Motorräder können noch so schön (sauber-) sein, wenn die Technik nix taugt, taugt der ganze Kerl nix. Das Lockenwicklerbewehrte Muttertier findet nach wie vor keine praktische Verwendung an einem Fortbewegungsmittel, welches keine Isofixhalter für die ganzen Anna-Lenas, Benjamins etc. hat;  Opas R25 war eben doch die beste, etc. Mein innerlicher Hahnenkamm ist gänzlich abgeschwollen als der Mop tobt.

Tage später, durch Zufall entdeckte ich den Grund der Blamage: Beim einschlagen des (flacheren, von der 350er-) Lenkers stößt der Dekohebel an den Tank und wird zwangsweise betätigt. Pffft-Motoraus!
(etwas übertrieben, trotzdem nach einer wahren Geschichte)

 

Neulich, beim TÜV:
Normalerweise bringe ich meine Enfield zum freundlichen Enfieldhändler
(=Sommer, Eppstein), um die fällige TÜV-Untersuchung machen zu lassen. Aber diesmal wollte ich das mal selber machen. Also hin zum TÜV. Die Fahrt dorthin bin ich >natürlich< ohne Licht gefahren. Nur so habe ich mit meinem Regler die Chance, die Batterie so voll zu bekommen, daß ich gleichzeitig Hupen >und< "Licht an" haben kann. Ein netter junger Mann kommt, mit Block und Stift und ruft mein Kennzeichen in die Halle. Hupen brauchte ich jedoch bei der Prüfung nicht. Aber mein Licht gefiel ihm nicht: Warum brennen die beiden kleinen Parklichter links und rechts der Lampe, obgleich eine Standlichtbirne im Reflektor ist? Das konnte ich Ihm leider auch nicht sagen, nur das obligate "Des is 'schoh immer so, des ghört so". "Naja, dann bremsense mal". Vorne mit der Handbremse, klar, mein Bremslicht geht. "Und jetzt hinten"-"Das ist bei Ihnen" "Ach so, falschrum" Naja, wer oder was falsch ist, möchte ich nicht ausführen, er stand halt links, also war ich "falsch". Dann wollte er fahren. "Hat die E-Start?" "Nein,-wozu?" meine Antwort, etwas vorwurfsvoll. "Können Sie mir die anmachen?" Man ist ja hilfsbereit, meine R.E. springt (fast) immer auf den ersten Kick an, und bestimmt hätte Ihm noch aufs Mopped geholfen, aber das schafft er selber. Für 36 Teuronen Gebühr, finde ich den Service allerdings lausig. Noch kurz ("ach übrigens...") erklärt, das der erste Gang auch "falschrum"  (nach oben) ist, dann eine zögerliche Bremsprobe auf dem Hof, normalerweise machen die das auf der Strasse,  (er traute sich nicht den 2. Gang zu suchen, -bestimmt) und das war erledigt. Etwas hilflos "Wo finde ich jetzt den Leerlauf?" kam er angerollt mit gezogener Kupplung. "Ei mit dem Leerlaufinder" (ich weiß, ich bin böse) "Was'n das? -machense mal". Ich denke, der war froh mit mir und meiner Enfield fertig zu sein. Beim Blick in den KFZ-Schein outete er sich dann vollends: "Baujahr 1995 sieht man der aber nicht an". Kleber aufs Nummernschild, und ich fuhr mit einem noch breiteren Grinsen als gewöhnlich nach Hause.

Neulich, wieder beim TÜV:
Mittlerweile sind 2 Jahre rum, und der TÜV ist mal wieder fällig. Der TÜV ist der gleiche, nur ein anderer Graukittel, genau genommen ein Blaukittel. Schon etwas älter, aber immerhin: Nett, kompetent, und einer Probefahrt nicht abgeneigt. Deutlich sichtbar:Das breite Grinsen, beim "rumkurven" auf dem Hof.
Ein kurzes Gespräch wegen montierten Fußrasten bei Einzelsitzbank (Nein, könnte ich dranlassen) und dem Seitenständer, den ich vorher abgemacht habe (könnte ich selbstverständlich mit der Zündung koppeln) und alles war gut. "Schöne Maschine, sieht man ja nicht oft; bis in 2 Jahren dann..."

Neulich, schon wieder beim TÜV:
Die erste AUK! Das Schnäppchen kostet tatsächlich 18 Euro. Dafür steckt der Prüfer dann den Rüssel vom CO-Tester in den Auspuff. Messen, ablesen, 18Ois verdient. So schnell möchte ich mal mein Geld verdienen. 4,5% Co2 gingen nicht einzustellen, deshalb haben alle Enfields auch eine Sondergenehmigung bis 10%. Selbstverständlich habe ich einen Schraubenzieher dabei und stelle den Co-Wert selber ein, während der TÜVer über dem Papierkram sitzt. Habe Anfangs 6,7% jetzt 7,5% eingestellt, beim Gasgeben verschluckte sich meine öfters.

Das Beste zum Schluß: "No Comment":

Wenn man sich mit einer Enfield unters motorradfahrende Volk mischt, kann man die ein oder andere Anekdote erleben. Hier ein paar Sprüche „aus Kennermunde“, vornehmlich ausgesprochen von den Papageienbikern auf dem Feldberg/Taunus:

Der Papageienbikerspruch:  ...und die Erklärung dazu:
„Ja, Ja, das ist ne Egli, die kenn’ ich, die ist vom Fritz“  hatte Egli-Schriftzug an der Zündung entdeckt
„Des is doch die, die mit Rohöl fährt“ 

hat wohl mal was von einer Taurus Diesel gehört oder gelesen

„Die Engländer verlieren immer e bissi Öl!“ gemeint war eine neben meiner Enfield stehende Gilera Saturno
„Das hat bestimmt viel Arbeit gekostet.“  Anerkennung einer vermeintlichen Toprestauration
„Wie?“ „Baujahr 1995?“ „Nie im Leben!“ Sowas passiert öfters, eigentlich immer als erstes...
„Sieht irgendwie unmodern aus“ Irgendwie Clever
„Tja die Engländer, die haben die Schaltung alle auf der falschen Seite“ wenn der mal auf einer Trident/Daytona/etc. sitzt, haut’s ihn um. Typisch für einen Rechtshänder, so was von unflexibel ;-)
"Weicheifahrer" Stimmt zumindest für die Bullet (03/10). Meine MZ und Vespa haben kein Saisonkennzeichen.
"Was soll das?" "Ist doch nur ein nachgemachter Engländer"  Falsch. Eine Indian Enfield ist keine echte Replika. Sie wird seit über 50 Jahren ununterbrochen und fast unverändert gebaut. Nur halt nicht mehr in England.
"Die kann ich ja auch fahren, ist ja ne 125er"  Das spricht doch für eine gewisse Zierlichkeit der Enfield
"Ziemlich alt; -Naja, hauptsache sie fährt noch" Die "nette" Frau von der Zulassung beim TÜV-Stempeldraufkleben nach div. Eintragungen. Mir bricht's das Herz...
"Da kann ich ja gleich Traktor fahrn" Ratbikefahrer. Wasserdicht und Fuelproof. Verkäufer bei einem Moppedladen.
"Das ist ein Motorrad aus meiner Jugendzeit" So? Dann bist Du also erst 8 Jahre alt ?
"Woann isch hinner de Hohemark an de erste Bäum vorbeifahr, kann mich die ganz Welt am Ar§$% lecke..." Stimmt. Geht mir auch so, nicht nur auf der Enfield.
"Das ist doch die Temperatur vom Spritzöl" Der hatte meine Öl-Temp.anzeige entdeckt. 65 Grad (Trockensumpfschmierung!) ist halt aufm Feldberg nix was irgendwelche Hochachtung erregt. Schon garnicht bei Papageienbikern. 
"Das ist doch so eine, die ganz billig aus China kommt.." Was soll man dazu sagen? Sieht eine R.E. aus wie eine Yangtse, CJ750? Jedenfalls war der Mensch ganz nett.

...kannste beim Aldi ufftanke...

Da wäre ich beim Direkteinspritzer vorsichtig. Und bei meiner sowieso.

Fortsetzung folgt, da bin ich gnadenlos!

Im Ernst, echt. Alle Sprüche sind die Wahrheit!

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